Von der Erinnerung: Louder Than Bombs

Der dritte Film des norwegischen Regisseurs Joachim Trier

Ein Wimpernschlag kann alles entscheiden. Im Zuge einer falsch genutzten Sekunde wird Isabelle (Isabelle Huppert) jäh aus dem Leben gerissen und hinterlässt bei ihren Lieben nichts als Erinnerung.  Sie, die als Kriegsfotografin an die unwirtlichsten Orte reiste, stirbt ausgerechnet im heimischen Verkehr. Ihr Mann Gene (Gabriel Byrne) und die beiden Söhne Jonah (Jesse Eisenberg) und Conrad (Devin Druid) finden seit jenem Tag keine gemeinsame Sprache mehr. Zwischen den Zimmern des Hauses klaffen Abgründe, die der alternde Hipster Gene verzweifelt zu überbrücken sucht. In mehreren Anläufen bemüht er sich, seinen Jüngsten zu erreichen, der sich vor Schmerz und Verlust ins digitale Nimmerland flüchtet, während Conrad, der Ältere, sich auf seine Karriere als angehender Professor kapriziert. Doch der Zeitungsartikel eines ehemaligen Kollegen über die Verstorbene und ihre Arbeit fördert die verdrängte Wahrheit zu Tage, dass Isabelle nicht durch einen Unfall, sondern durch Selbstmord ums Leben kam. Mehr denn je müssen die Hinterbliebenen nun versuchen, miteinander zu kommunizieren, die Bilder, die sich ein jeder von der Verstorbenen gemacht hat, stehen auf dem Prüfstand. Wer eigentlich war diese offenbar todessehnsüchtige Frau, die den dreien doch näher stand als irgendjemand sonst auf der Welt?

Der norwegische Autorenfilmer Joachim Trier behandelt in seinem dritten Film ‚Louder Than Bombs‘ erneut die Fallstricke der Erinnerung. Während ‚Auf Anfang‘ und ‚Oslo, 31. August‘ die Unbill des Erwachsenwerdens und den Verlust von Liebe und Jugend zum Thema hatten, geht es hier um den Verlust des Nächsten und den trügerischen Charakter der Reminiszenz. Das Leben ist eine Einbahnstraße. Von der süßen Vergangenheit, da ist Trier sich sicher, müssen wir uns lösen, um in der Zukunft halbwegs Fuß zu fassen. Seine ersten beiden (norwegischen) Filme vermittelten das Lebensgefühl einer spezifischen Generation, der neue, überwiegend mit amerikanischen Schauspielern gedrehte Film präsentiert auf dem Familientableau die Perspektiven gleich mehrerer Jahrgänge. Zwar mag ‚Louder Than Bombs‘ thematisch der ‚erwachsenere‘ Film sein, handwerklich wirkt er indes ein wenig konfuser als die genialen Erstlinge. Nichts desto trotz bestätigen die einzigartige Handschrift, der poetische, zuweilen an die Nouvelle Vague erinnernde Stil und der genaue Blick aufs Zwischenmenschliche auch hier noch einmal, dass Joachim Trier einer der interessantesten Nachwuchsregisseure Europas ist.

Christoph David Piorkowski

‚Louder Than Bombs‘; N / F / DK / USA 2015; Regie: Joachim Trier; Darsteller: Jesse Eisenberg, Gabriel Byrne, Isabelle Huppert, Devin Druid; Länge: 109 Minuten; Kinostart: 07. 01. 2016

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