Von der Entfremdung: Anomalisa

Charlie Kaufmans Stop-Motion-Meisterwerk

Sieben Jahre sind seit dem Regiedebüt des in vielerlei Hinsicht fantastischen Drehbuchautors Charlie Kaufman vergangen. Kaufman, dessen Arbeit mit dem irren Skript zu Spike Jonzes ‚Being John Malkovich‚ ins öffentliche Bewusstsein rückte, beeinflusste durch seine spezielle Handschrift auch die Regiekarrieren von George Clooney und Michel Gondry. Gleichwohl blieb der Autor ein von der Industrie beargwöhnter Sonderling. Mit seinem 2008 erschienenen Film ‚Synecdoche, New York‘ tat sich dann endgültig ein Riss zwischen seiner Kunst und dem hollywood’schen Handwerk auf. Engpässe in Sachen Finanzierung waren die Folge. Nun aber meldet sich Kaufman mit einem über Crowdfunding produzierten Kleinod zurück, das – zunächst als Theaterstück erschienen – nun allenthalben und nicht umsonst als filmische Großtat gefeiert wird.

Gemeinsam mit seinem Co-Regisseur Duke Johnson erzählt Kaufman unter Verwendung von Stop-Motion-Technik eine als Puppentheater inszenierte alptraumhafte Liebesgeschichte, die den verkapselten Protagonisten Michael Stone für eine einzige Nacht aus seiner solipsistischen Blase reißt.

Der Sales-Guru Stone steigt in einem gesichtslosen Hotel in Cincinnati ab, wo er am nächsten Morgen einen Vortrag über umsatzsteigernde Verkaufsstrategien halten soll. Der Sitznachbar im Flugzeug, der geschwätzige Taxifahrer, der Hotelboy, der seine Koffer trägt – von Stone selbst abgesehen haben zunächst alle Figuren in diesem Film das gleiche ausdruckslose Gesicht, die gleiche schmalspurige Stimme. (Dabei lohnt es sich, den Film im Original zu sehen.)

Das Credo des jüdischen Philosophen Emmanuel Levinas, nach dem das Antlitz des Nächsten als ewiges Rätsel begegnet, als sprechende Unendlichkeit, ist in ‚Anomalisa‘ außer Kraft gesetzt. Für Michael Stone gibt es keine Individuen, er ‚verliert die Menschen‘, wie er sagt, seine Frau, sein Sohn, seine Kollegen, niemand besitzt ein ‚Antlitz‘, jeder einzelne ist ‚everyone else‘.

Doch dann erscheint mitten im gleichförmigen Strom der toten Gesichter eine Anomalie, das Groupie Lisa, Anomalisa eben, die Stone mit ihrer Lebendigkeit sofort verzaubert. Er verbringt die Nacht mit ihr, was in einer gleichermaßen rührenden wie befremdlichen Bettszene gipfelt. (Beinahe schämt man sich, diese ungelenken Puppen beim Sex zu beobachten.) Doch bereits am nächsten Morgen kehrt Stone in seine Einsamkeit zurück, bedrohlich taucht hinter der Stimme, hinter dem Gesicht von Anomalisa, die Maske des Allgemeinen auf.

Charlie Kaufmans neuster Streich ist eine unheimliche, zauberhafte, traurig-komische Traumnovelle über sein immer wieder variiertes Kernthema Entfremdung, ein poetisch-surrealer Trip über den plötzlichen Einbruch der Liebe und ihr ebenso abruptes Verschwinden.

Christoph David Piorkowski

 

‚Anomalisa‘; USA 2015; Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson; mit den Stimmen von: David Thewlis, Tom Noon, Jennifer Jason Leigh; Länge: 90 Minuten; FSK: ab 12 Jahre; Kinostart: 21. Januar 2016.

Informationen zu Kinos und Laufzeiten entnehmen Sie bitte dem Veranstaltungsplan von Berlin Programm.