Mord als Potenzmittel: Irrational Man

Woody Allens kluges kurzweiliges Kammerspiel

Der runtergerockte Philosophieprofessor Abe Lucas (Plauze, speckiges T-Shirt, permanent den mit Scotch gefüllten Flachmann im Anschlag) wird auf einen kleinstädtischen Lehrstuhl berufen. Dem Mann laufen die Legenden voraus, der weibliche Teil des Campus fiebert seiner Ankunft entgegen, man hofft auf dionysische Ekstase in Seminaren und Schlafzimmern, das derangierte Äußere und die melancholische Unnahbarkeit befeuern den Mythos vom genialischen Künstlerphilosophen. Tatsächlich steckt Abe Lucas aber in einer ernsthaften depressiven Krise, inklusive Impotenz und Schreibblockade. Trotzdem wird er von der ehe-frustrierten Professorin Rita und der in ihrer Beziehung gelangweilten Studentin Jill zum unbedingten Sehnsuchts-Subjekt erkoren.

Eines Tages belauscht Abe Lucas gemeinsam mit Jill in einem Diner ein Gespräch. Eine Frau wird wegen der Befangenheit eines Scheidungsrichters wohl um das Sorgerecht für ihre Kinder geprellt werden. Prompt ist die Krise vorüber. Ganz im Sinne seiner vulgär-existentialistischen Agenda trifft der im Angesicht der Freiheit schwindelnde Abe Lucas eine fatale Entscheidung. Er beschließt, den Richter, von dem er nie zuvor gehört hat, zu ermorden und die Welt durch das perfekte Verbrechen ein klein wenig besser zu machen. Von da an ist die Impotenz verschwunden. Die Lebensgeister sind zurück und lassen sich auch nicht mehr einfangen, als die smarte Jill dem frisch gebackenen Mörder auf die Schliche kommt.

„Irrational Man“ ist im Grunde ein Kammerspiel, das vor allem durch seine Hauptdarsteller Joaquin Phoenix und Emma Stone besticht und wie so viele Woody-Allen-Filme tragisch-komische Schlaglichter auf das Rätsel des menschlichen Daseins wirft. Bei mittlerweile 45 Filmen fehlt Woody Allen dabei schlicht die Zeit, alles bis ins letzte Detail auszugestalten. So meint man auch diesem Drehbuch das Tempo anzumerken, mit dem es geschrieben wurde. Und doch: all das, was da auf der Leinwand passiert, ist in höchstem Maße amüsant – und dies vermutlich gerade deshalb, weil nicht an allem minutiös „gearbeitet“ wurde. Die verstreuten Zeichen müssen sich bei Allen nicht lückenlos zusammenfügen. Beim Thema ‚philosophisch gerechtfertigter Mord‘ scheint die raskolnikovsche Frage nach Schuld und Sühne auf; und natürlich der existentialistische Topos der Wahl. Auch hat Woody Allen seine Zerrissenheit zwischen dem alten Europa und der neuen Welt – diesmal ausagiert am Mentalitätsunterschied zwischen der kontinentalen Nachkriegsphilosophie und der analytischen Tradition anglo-amerikanischer Prägung – auf unterhaltsame Weise in die Dialoge geschrieben. All diese Motive werden lediglich auf ironische Weise anzitiert, so dass sich der Film durchweg eine intelligente Leichtigkeit bewahrt. Woody Allen muss keine großen, gut geplanten Filme machen –  die kleinen, klugen, kurzweiligen reichen vollkommen aus.

Christoph David Piorkowski

„Irrational Man“ – USA 2015; Regie: Woody Allen; Darsteller: Joaquin Phoenix, Emma Stone, Parker Posey; Länge: 95 Minuten; Kinostart: 12. 11. 2015.

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