Gewinner in Cannes: Dämonen und Wunder

Jacques Audiards ausgezeichnetes Flüchtlingsdrama

Wenn die eigene Welt in Trümmern liegt, bleibt einem nur der Aufbruch in ein neues Leben. Dheepan, Ilay und Yalini, die der Hölle des sri-lankischen Bürgerkrieges zu entkommen suchen, haben sich nie zuvor gesehen und doch sind sie von jetzt auf gleich auf den jeweils anderen angewiesen. Dheepan war Soldat bei den Tamil Tigers, seine Frau und seine Töchter wurden von den singhalesischen Regierungstruppen ermordert, auch die etwa neunjährige Ilay und die Mittzwanzigerin Yalini sind Tamilen, deren Angehörige bei Massakern an der Zivilbevölkerung ums Leben kamen. Nun übernehmen die drei die Identität einer vollständig ausgelöschten Familie und machen sich mit fremden Papieren und getürkten Lebensgeschichten nach Europa auf – die raue Pariser Banlieue wird erstmal das Überleben sichern.

Jacques Audiard, dessen Filme zumeist durch eine enorme physische Intensität auffallen, erzählt in ‚Dämonen und Wunder‘ (im Original schlicht ‚Dheepan‘) von konkreten Schicksalen geflüchteter Menschen, die in dieser (vergleichsweise) ruhigen und eindrücklichen Geschichte aus der Anonymität eines zum Problem gewordenen Begriffs heraustreten und in ihrer bloßen und bloßgelegten Menschlichkeit begegnen. Nicht zu Unrecht wurde Audiards zeitgeschichtlich hochaktuelles Drama in Cannes mit der goldenen Palme gewürdigt.

Dheepan hat den Krieg hinter sich gelassen, seine alte Identität, sein vormaliger Kampf, sind ihm genauso fremd, wie die neue Heimat im Plattenbau, der von Drogen dealenden Gangs beherrscht wird. Nachdem er zunächst blinkenden Tand auf den Pariser Flaniermeilen verkauft hat, praktiziert Dheepan stoisch als Hausmeister des Vorstadt-Blocks; er versteht die gesprochene Sprache nicht, wohl aber die Sprache der Gewalt, von der die neue Welt – obgleich mit veränderter Artikulation – genauso geprägt ist wie die alte. Ilay möchte einfach wieder Tochter sein, auch wenn die beiden Leidensgenossen, mit denen sie sich ein versifftes und möbelloses Apartment teilt, nicht ihre leiblichen Eltern sind. Yalini will eigentlich nach London, mehr als für die anderen ist das Familienarrangement für sie bloßes Mittel zum Zweck.

Sukzessive kommen die drei sich näher, das tägliche Schauspiel bedingt ein Verwachsen mit der jeweiligen Rolle, zwischen Dheepan und Yalini entspinnt sich eine fragile, aber zärtliche Liebesbeziehung. Bald jedoch werden sie in die Gewalt auf den Straßen involviert, und es zeigt sich, dass der zunächst schüchterne Dheepan seinen eigenen Krieg in eine Gegend mitgebracht hat, die sich –  von jeder staatlichen Infrastruktur verlassen – ihrerseits in einem kriegsanalogen Zustand befindet.

Dass sich ‚Dämonen und Wunder‘ zuletzt vom Flüchtlings-Drama zum Action-Thriller wandelt, das Tempo gehörig anzieht, als Dheepan beim Versuch, seine Familie zu beschützen, weit übers Ziel hinausschießt, wäre nicht unbedingt nötig gewesen, ist aber doch dramaturgisch konsequent. Audiard erzählt, wie schon in seinem großartigen Gefängnisfilm ‚Un prophète‘, von den Gewalt-Geschwüren im Bauch europäischer Gesellschaften, von marginalisierten Sphären, die permanent zu explodieren drohen, von randständigen Helden wie sie im Kino nur selten zu sehen sind. Das Schicksal dieser Figuren inszeniert er überaus eindringlich, der Film entfaltet einen atmosphärischen Sog, dem man sich schwerlich entziehen kann. Nicht bloß als Kommentar auf das gegenwärtige Zeitalter der Flüchtlinge ist ‚Dämonen und Wunder‘ einer der intensivsten Filme des Jahres.

Christoph David Piorkowski

‚Dheepan‘, Frankreich 2015; Regie: Jacques Audiard; Darsteller: Antonythasan Jesuthasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby, Vincent Rottiers, Marc Zinga; Länge: 116 Minuten; FSK 16; Kinostart: 10. 12. 2015

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