Interview mit Rainer Simon

Vom Problembezirk ins Zentrum des Vorzeige-Berlin

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NU: Zu dir: Woher kommst Du und was hat Dich nach Berlin gezogen?
RS: Auch in das kleine baden-württembergische Dorf Fichtenberg, aus dem ich ursprünglich komme, war damals der Ruf von Berlin als sehr lebendige, vielfältige und verrückte Metropole vorgedrungen. Als ich mich entschied, Philosophie, Theater- und Musikwissenschaft zu studieren, war Berlin zunächst allerdings nicht meine erste Wahl. Aber die außergewöhnliche Kulturlandschaft, der Ruf der Stadt und Freunde, die schon hier lebten und starke persönliche Bezugspunkte darstellten, waren für mich ausschlaggebend.

NU: Welche Orte in der Stadt sind es, die dich in deiner Entscheidung, hier zu leben, bestätigen?
RS: Im Sommer ist es in Neukölln, wo ich wohne, sehr umtriebig und lebendig. Das wird mir neben der Arbeit in Mitte manchmal zu viel. Ich liebe den Trubel der Stadt, aber fahre auch gerne raus ins Berliner Umland. Ich mache leidenschaftlich gern Radtouren, da kann ich ausspannen und ausatmen. Ansonsten gehe ich gern in die “Olfe” in Kreuzberg. Bei mir im Weserkiez in Neukölln ist das Café “Natanja und Heinrich”, das ich sehr gern mag, und der sudanesische Imbiss „Sahara“ mit wunderbaren Halloumi und einer tollen Erdnusssoße.

NU: Dein Arbeitsweg von Neukölln ans Brandenburger Tor führt dich auf dem Rad jeden Tag vom gentrifizierten Problembezirk ins Zentrum des Vorzeige-Berlins – wie erlebst du das?
RS: Das ist auf jeden Fall ein krasser Kontrast. Aber die Komische Oper Berlin ist für mich ein besonderer Ort. Unser Publikum ist sehr divers, von Touristen bis zu Berlinern, die aus allen Stadtteilen und Milieus hierher finden. Auch die Leute, die an der Komischen Oper arbeiten, kommen aus unterschiedlichen Ecken der Stadt. Während meiner Arbeit erlebe ich also ein sehr vielfältiges Berlin.

NU: Welche Kriterien müssen für dich erfüllt sein, damit du dauerhaft in Berlin bleibst?
RS: Bezahlbarer Wohnraum. Dass Berlin seine “anderen” Orte behält. Also Orte, die nicht so klar definiert sind wie viele Orte in Mitte. Das Tempelhofer Feld ist so ein „anderer“ Ort, den die Berliner sich selbst angeeignet und gestaltet haben. Wichtig finde ich auch, dass es in Berlin Institutionen wie das SO36 gibt, die Geschichte haben und immer noch zur festen Kneipenlandschaft gehören. Vieles verändert sich natürlich. Mein Lieblingscafé “Jenseits” oder die Berliner Eckkneipe in meinem Haus haben zugemacht. Das Berghain hat für mich durch die Touristenströme seinen mysteriösen, verruchten Charakter verloren. Ich weiß, dass eine Stadt sich verändern muss. Vielleicht gehört der Verlust oder die Veränderung dieser Orte, die einem ans Herz wachsen, dazu, um wieder neue zu finden.

NU: Was müsste passieren, damit du Berlin verlässt?
RS: Schwierig. Ich liebe die Stadt schon sehr, ich mag die Schnoddrigkeit und das teilweise raue Klima. Wegen einem super Jobangebot oder wichtigen persönlichen Gründen würde ich die Stadt eventuell verlassen. In Berlin selbst wären unbezahlbare Mieten für mich ein ausschlaggebender Punkt. Und natürlich, wenn diese „anderen“ Orte ganz verschwinden würden. Wenn Berlin irgendwann wie München aussieht, dann wäre es für mich nicht mehr attraktiv.

NU: Wie würdest du, was Berlin zu bieten hat, jemanden beschreiben, der noch nie hier war?
RS: Die Stadt hat eine sehr vielfältige und tolle Kulturlandschaft – von den drei großen Opernhäusern bis zur Neuköllner Oper, von den Schauspielhäusern über die freien Spielstätten bis zu den vielen internationalen Festivals. Hier gibt es ein so großes Angebot, dass man davon manchmal überfordert ist und nicht weiß, wo man hingehen soll. Außerdem ist Berlin im Gegensatz etwa zu Paris, wo alles sehr aufeinander gedrängt ist, mit seinen breiten Straßen, vielen Plätzen, Parks und Grünflächen eine vergleichsweise weite Stadt. Dieser Raum, in dem man sich nicht eingeengt fühlt, zeichnet Berlin sicherlich aus. So wie das Umland, das man sehr schnell erreicht und in dem man auch wirklich allein ist. Brandenburg ist ein klarer Kontrast zu Berlin, das finde ich großartig. Berlin ist wie eine extrem bunte und lebendige Oase.

NU: Was ist mit den Menschen, die hier leben?
RS: Die sind auf jeden Fall auch ein guter Grund, Berlin kennen zu lernen. Ich habe das Gefühl, viele Leute, die in den letzten 20 Jahren hierher gekommen sind, sind einem gewissen Ruf der Freiheit gefolgt, dem Wunsch, sich zu entfalten. Die Möglichkeiten, diese Stadt mitzugestalten und sich einbringen zu können, machen Berlin für viele Zugezogene zu einem starken Anziehungspunkt.

NU: Was macht die “Altberliner” aus? Oder die “Schrippen”, wie man so schön sagt?
RS: Ganz klar diese schnoddrige Art – das ist eigentümlich, besonders und passt zu Berlin. Den echten Berliner, wenn es den überhaupt gibt, macht für mich eine gewisse Rauheit aus.


Weitere Informationen und Links zum Thema:

Barry Kosky: On Ecstasy (Little Books on Big Themes)
Andreas Homoki: Ein Jahrzehnt Musiktheater an der Komischen Oper Berlin
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Hrsg. von Thomas Flierl

Gob Squad: Webseite des Kollektivs: www.gobsquad.com


Mehr zur Komischen Oper:

Yamato – Drummers of Japan (13.07.15 – 18.07.15)
West Side Story (06.11.14 – 02.07.15)
Die Zauberflöte (11.09.14 – 22.05.15)
Don Giovanni (29.11.14 – 10.07.15)
Gianni Schicchi | Herzog Blaubarts Burg (28.02.15 – 07.07.15)

Veranstaltungsdaten:
19.06.2015 - 19.07.2015

Behrenstraße 55
10117 Berlin [ Mitte ]

Telefon

  • Karten: (030) 47 99 74 00

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