Berlinale 2016: L’avenir

Wettbewerb

Die Zeit der Revolte liegt hinter ihr. Die Philosophielehrerin Nathalie hat den Sturm und Drang vergangener Tage wie so viele ihrer Generation in eine links-bourgeoise Gemütlichkeit übersetzt, der Aktionismus von einst ist den Routinen einer bürgerlichen Existenz gewichen. Ihr Anspruch beschränkt sich nunmehr darauf, den jungen Leuten selbstständiges Denken zu vermitteln. Mit ihrem Mann teilt sie eine von Büchern gesäumte lichtdurchflutete Wohnung, die erwachsenen Kinder und auch einige ihrer Schüler kommen häufig und gern zu Besuch. Nathalie liest, denkt, publiziert und steht über den Kontakt zu ihrem einstigen Protegé Fabien auch mit der jüngeren Generation von Revoluzzern in intellektuellem Austausch. Man könnte sagen, dass sie ein durchaus erfülltes Leben führt.

Doch dann wird Nathalie unversehens durch eine Serie von Schicksalsschlägen getroffen. Ihr ebenfalls als Philosophielehrer tätiger Mann offenbart ihr, dass er sich in sein schon lange währendes Verhältnis verliebt hat und aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen wird. Ihr marktorientierter Verlag findet ihren philosophisch-pädagogischen Ansatz zu schwerfällig und will die Zusammenarbeit mittelfristig einstellen. Und schließlich stirbt auch noch die divenhafte Mutter, die sie bis dato mit hysterischen Anrufen und permanenten Selbstmorddrohungen auf Trab gehalten hatte.

Der Berlinale-Wettbewerbsfilm „L’avenir“ von Mia Hansen-Løve ist eine wunderbar ausgewogen erzählte Geschichte über das Älterwerden und einer der ersten Anwärter auf den goldenen Bären. Isabelle Huppert spielt die in die Jahre gekommene halb-hiobsche Intellektuelle so nuanciert, dass sich die Ebenen des Komischen und Tragischen allein schon in ihren Gesichtsausdrücken nahtlos ineinander schieben. Auch Nathalies Einstellung zum Kollaps ihrer existentiellen Ordnung ist dabei mehr als ambivalent. Zwar kann ihre verzweifelt stoische Haltung Überforderung und Trauer nur unzureichend verbergen, die Angst um den Rest ihres Lebens kippt aber zuweilen in Hoffnung um, angesichts eines niemals zuvor so frei gelegten Horizonts. L’avenir konzentriert sich ganz auf seine charismatische Hauptdarstellerin, Isabelle Huppert wird von Hansen-Løve und auch von den zu Sidekicks degradierten Co-Akteuren bravourös in Szene gesetzt. Die unzähligen amüsanten Details – so zum Beispiel Nathalies allmähliche Tuchfühlung mit dem unliebsamen Kater Pandora, den die verstorbene Mutter zurückgelassen hat – formen sich zum lebendigen Portrait einer Frau, die ob der Unbill des Lebens zwar ins Straucheln gerät – das Kommende aber doch noch zu nehmen vermag.

Christoph David Piorkowski

 

„L’avenir“ wird am Sonntag, den 21.2., um 12:00 Uhr im Friedrichstadt-Palast wiederholt.

Karten für die Berlinale gibt es an den einschlägigen Vorverkaufskassen, je nach Film an den Tageskassen der Kinos und unter www.berlinale.de

 

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